Folge 9: Johann Conrad Fischers Tagebücher

Johann Conrad Fischer: Tagebücher 1773–1854. bearb. von Karl Schib. (Schaffhausen : Georg Fischer AG, 1951).

Erschienen im Oktober 2016

Das Lieblingsbuch von Nina Helg-Kurmann

Im neunten Teil der Lieblingsbuch-Serie stellt Nina Helg-Kurmann die Tagebücher von Johann Conrad Fischer vor. Durch ihre Beschäftigung mit den alten Firmenakten ist die ehemalige studentische Mitarbeiterin des GF Konzernarchivs besonders von dieser Quelle europäischer Entwicklung im 19. Jahrhundert fasziniert.

Die Leserin

Nina Helg-Kurmann

... arbeitete von 2014 bis 2019 als studentische Mitarbeiterin im Konzernarchiv der Georg Fischer AG. Sie studierte Geschichte und Englisch an der Universität Zürich.

Das Buch, in dem ich gerne mitspielen würde...
Joanne K. Rowling: Harry Potter

Das Buch, von dem ich gerne eine Fortsetzung lesen würde...
Mary Shelley: Frankenstein; or, The Modern Prometheus

Das Buch, das momentan auf meinem Nachtkästchen liegt...
Jo Nesbø: Der Erlöser

Das Buch

Johann Conrad Fischer: Tagebücher 1773–1854. bearb. von Karl Schib. (Schaffhausen : Georg Fischer AG, 1951).

«Nulla dies sine linea»

Während seiner zahlreichen Reisen durch Europa verfasste Johann Conrad Fischer, der Gründer der Georg Fischer AG, Tagebücher, in denen er seine Besuche in Produktionsstätten und seine allgemeinen Observationen schilderte. Fischer, der eine Lehre zum Kupferschmied absolviert hatte, genoss eine gymnasiale Schulbildung und hatte auch während seiner Berufsausbildung die Gelegenheit zur Weiterbildung in Französisch, Englisch, Mathematik und Physik. Diesem Umstand verdanke er seine Gewandtheit als Schriftsteller, welche in seinen Tagebüchern deutlich wird. Durch seine Bildung kam er auch in Kontakt mit den Formen der Reiseliteratur und –tagebücher, welche im 18. und 19. Jahrhundert zu den beliebtesten literarischen Gattungen gehörten. Das Verfassen solcher Texte ist geradezu ein Charakteristikum schriftstellerisch tätiger Menschen jener Zeit. Fischer selbst verstand sich demnach sowohl als Kupferschmied, als auch als Schriftsteller und hielt zu Lebzeiten den Grundsatz «Nulla dies sine linea» («Kein Tag ohne Zeile») hoch.

Besuch der Weltausstellung in London 1851

In seinem siebten und letzten Reisetagebuch 1851 berichtet Johann Conrad Fischer vom Besuch der Weltausstellung in London und einiger Fabrikstädten in England im Alter von 78 Jahren. Er war von der Schaffhauser Regierung dazu aufgefordert worden, einen Beitrag an der Ausstellung zu zeigen. Nach einer sechstägigen Reise mit der Kutsche, dem Dampfboot und der Bahn kam Fischer bei der Ausstellung im Hyde Park in London an. 

Ausführlich beschreibt er den «Glaspalast» (Crystal Palace), wie er das Ausstellungsgebäude nennt, in seinen Proportionen, Baudetails, und seiner Form und Ausstattung. Interessant ist hier insbesondere auch wie er die immensen Ausmasse des Gebäudes verbildlicht: Indem er eine Massskizze des Glaspalasts über eine Karte der Schaffhauser Altstadt legt, wird die Grösse von 1851 x 408 englischen Fuss (564 x 124 Meter) eindrücklich dargestellt.

Mehr als blosse Reisebeschreibung

Besonders spannend an Fischers Berichten finde ich, dass sie über die Ebene des rein persönlichen Erlebnisses hinausgehen, was zu dieser Zeit in Reisetagebüchern nicht oft der Fall war. Zumeist sind seine Berichte sachliche und detaillierte Beobachtungen seiner Exkursionen. Dabei zeichnete Fischer nicht einfach nur solche Entwicklungen und Ereignisse nach, die in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem eigenen Unternehmen standen, sondern bezog seine Gedanken zu Aktualitäten in der Wissenschaft, Politik und Kunst, die ihn bewegten, mit ein. Insbesondere in den Vorworten zu den Tagebüchern philosophierte er auch über die Gesellschaft und die Ambivalenz des technischen Fortschritts. Johann Conrad Fischers Tagebücher bilden somit insgesamt ein faszinierendes und lesenswertes Zeugnis der europäischen Entwicklung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.