86/2014

Wissensformen der Technik

Inhaltsübersicht

Berger, Peter: Dokumentation der Zahnradbahntechnik basierend auf Archiv- und Erfahrungswissen

Peter Berger

Dokumentation der Zahnradbahntechnik basierend auf Archiv- und Erfahrungswissen

Zur Sicherung des Wissens über die Technik der Zahnradbahnen setzte der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) der Schweiz eine Arbeitsgruppe ein. Diese erarbeitete eine Dokumentation, die alle Bereiche dieser Technik umfasst und in erster Linie auf den Erfahrungen von Fachingenieuren beruht. Ihr wurden auch Berichte über Bau und Entwicklung solcher Bahnen, publiziert in der «Schweizerischen Bauzeitung», gegenübergestellt und, soweit sie noch aktuell waren, darin berücksichtigt.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

The documentation of rack-and-pinion railway technology based on archival and empirical knowledge

The Swiss Association of Public Transport (VöV) established a working group dedicated to preserving the knowledge of cog railway technology. It compiled documentation that included all areas of this technology and that was based primarily on the experience of specialist engineers. This documentation was compared with reports on the construction and development of such railways, as published in "Schweizerische Bauzeitung", and, wherever still relevant, they were incorporated.

Eggimann, Franziska: Der Ring des Zaren – eine 200-jährige Geschichte

Franziska Eggimann

Der Ring des Zaren – eine 200-jährige Geschichte
Aus dem Konzernarchiv der Georg Fischer AG

Der russische Zar Alexander I. weilte im Januar 1814 für einige Tage in Schaffhausen und stattete dabei auch Johann Conrad Fischer, dem Gründer des heutigen Georg Fischer Konzerns, in seiner Stahlgiesserei im Mühlental einen Besuch ab. Was für den Zaren nur eine Episode während seines Aufenthaltes darstellte, war für Fischer ein einschneidendes Erlebnis, von dem noch heute verschiedene Akten und Objekte im Konzernarchiv der Georg Fischer AG zeugen.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

The Ring of the Tsar – a 200-year history
From the Corporate Archives of Georg Fischer AG

Czar Alexander I of Russia visited Schaffhausen for a few days in January 1814. One of the people he met on this visit was Johann Conrad Fischer, founder of today’s Georg Fischer Corporation, at his steel foundry in the Mühlental. While, for the Czar, the visit merely represented an episode on his journey, it had a profound effect on Fischer, testimony of which is found in various documents and items in the corporate archives of Georg Fischer Ltd.

Gampp, Axel Christoph: Magia Naturalis. Wissen als Emanationslehre in der Frühen Neuzeit

Axel Christoph Gampp

Magia Naturalis
Wissen als Emanationslehre in der Frühen Neuzeit

Seit der Antike und bis weit ins 18. Jahrhundert hinein prägte das makrokosmische Denken die Vorstellung einer Kette, die von Gott ausgehend alle sichtbaren und unsichtbaren Phänomene verbindet. Diese sogenannte Goldene Kette Homers liegt auch der Vorstellung einer magia naturalis zugrunde, wie sie für die Neuzeit exemplarisch von Giovanni Battista Della Porta entwickelt wurde. Mit einer derartigen Emanationstheorie, wo von den sichtbaren Dingen auf das Transzendente geschlossen werden kann, geht der Versuch einher, naturwissenschaftliches Denken und Theologie aufeinander zu beziehen. Im 17. Jahrhundert wird auch die Technik in diesem Lichte gedeutet, bevor im 18. Jahrhundert die Trennung zwischen Naturwissenschaft und Metaphysik unüberwindbar wird.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Magia Naturalis
Knowledge as Emanation Theory in the Early Modern Era

From antiquity and well into the 18th century, macrocosmic thinking shaped the notion of a chain emanating from God that connects all visible and invisible phenomena. This so-called Golden Chain of Homer also underlies the idea of a magia naturalis, as was developed in modern times, for instance, by Giovanni Battista Della Porta. On the basis of an emanation theory of this kind, in which the transcendental can be inferred from the visible world, an attempt was made to correlate science and theology. In the 17th century, technology was explained in this perspective, before science and metaphysics were irrevocably severed in the 18th century.

Krebs, Stefan: Diagnose nach Gehör? Die Aushandlung neuer Wissensformen in der Kfz-Diagnose (1950–1980)

Stefan Krebs

Diagnose nach Gehör?
Die Aushandlung neuer Wissensformen in der Kfz-Diagnose (1950–1980)

Die Einführung neuer Testinstrumente stellte in den 1950er-Jahren die etablierten Wissensbestände der Kfz-Diagnose infrage. Handwerkliche Praktiken wie die Diagnose nach Gehör sollten durch objektives, formalisiertes Wissen in der Form neuer Diagnoseinstrumente und -praktiken ersetzt werden. Die Werkstattpraxis erwies sich jedoch als widerständig, sodass sich die neue Gerätediagnose erst ab den 1980er-Jahren langsam durchsetzte. Diese lange Verzögerung resultierte nicht nur aus dem Konflikt um die Bedeutung impliziter und formalisierter Wissensformen, sondern auch aus dem schwierigen Aushandlungsprozess kollektiver Wissensbestände des Kfz-Handwerks.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Diagnosis by ear?
The Negotiation of New Forms of Knowledge in Vehicle Diagnosis (1950–1980)

The introduction of new test instruments in the 1950s challenged the established knowledge base of automobile diagnosis. Practical skills such as diagnostic listening were to be replaced by objective, formalized knowledge in the form of new diagnostic tools and practices. Workshop practices, however, proved to be resistant so that new device diagnostics only slowly began to gain a foothold in the 1980s. This long delay resulted not only from the conflict surrounding the significance of implicit and formalized forms of knowledge but also from the difficult negotiation process of the car mechanics’ collective knowledge.

Kreutzarek, Udo: Die Bedeutung und Handhabung von Wissen in einer Giessereigruppe

Udo Kreutzarek

Die Bedeutung und Handhabung von Wissen in einer Giessereigruppe

In einem immer komplexer werdenden Umfeld kommt es darauf an, relevante Informationen zu erlangen und sie den entsprechenden Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen, damit daraus durch Kombination, Vernetzung und Vergleich Wissen entsteht. Der Erfolg eines Automobilzulieferers, speziell eines Herstellers von gegossenen Komponenten, ist abhängig vom Wissen um die Märkte und Kunden – aber auch vom technischen Wissen der eigenen Prozesse. Der Mitarbeiter, die wichtigste Ressource des innovativen Unternehmens, stellt sein Wissen aktiv im Austausch mit Kollegen bereit, um Ideen zu diskutieren und weiterzuentwickeln, damit immer neue Produkte, Materialien oder Prozesse erfolgreich in Anwendung gebracht werden können.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

The Importance and Handling of Knowledge in a Foundry Group

In an increasingly complex environment, it is crucial to obtain relevant information that is then made available to employees, who generate knowledge by a process of combination, comparison and networking. The success of an automotive supplier, especially of a producer of cast components, is based on market intelligence but also on proper knowledge of its own technical processes. Employees, the most precious resource of innovative companies, share, discuss and develop ideas together with colleagues in order to translate them into new products, materials or processes.

Lehmann, Nele-Hendrikje: Wissen in der Sammlung. Die Freiberger Sammlungen für Eisenhüttenkunde ...

Nele-Hendrikje Lehmann

Wissen in der Sammlung
Die Freiberger Sammlungen für Eisenhüttenkunde und mechanisch-metallurgische Technologie

Akademische Sammlungen waren im 19. Jahrhundert aus dem Lehralltag der höheren technischen Bildungsanstalten kaum wegzudenken. Dennoch sind sie in der Geschichte der Technikwissenschaften bis heute wenig beachtet oder pauschal als Ausdruck der «Verwissenschaftlichung» von Technik interpretiert worden. Wie das Beispiel der Eisenhüttenkunde zeigt, waren Sammlungen jedoch von grosser Bedeutung für die Etablierung der Disziplin. Die Sammlungen repräsentierten nicht nur die Wissensbestände der Eisenhüttenkunde, sondern waren untrennbar mit deren Wissensformen und Wissenspraktiken verbunden.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Knowledge in the collection
The Freiberger Collections for Ferrous Metallurgy and Mechanical-Metallurgical Technology

Collections were an important means of science instruction at technical colleges during the 19th century. They have, however, hardly been considered in the history of technology. I will argue that collections not only served as a repository but also played a crucial role in the formation of technical disciplines like ferrous metallurgy. Thus, they were inseparably connected with their specific forms and practices of knowledge.

Petersen, Sonja: Die Zeitschrift für Instrumentenbau und ihr Sprechsaal. Ein «begrenzt-grenzenloses» Forum zum Austausch von Wissen

Sonja Petersen

Die Zeitschrift für Instrumentenbau und ihr Sprechsaal
Ein «begrenzt-grenzenloses» Forum zum Austausch von Wissen

Die «Zeitschrift für Instrumentenbau» war das zentrale Publikationsorgan der Musikinstrumentenbaubranche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie fungierte als Wissens-Forum, in dem unabhängig von geographischen und gebauten Orten Wissen durch Schrift und Zeichnung zirkulieren konnte. Die Herausgeber schufen mit der Rubrik «Sprechsaal» einen Raum, in dem Hinweise auf die anhaltende Bedeutung des für den Musikinstrumentenbau typischen, leiblich gebundenen Erfahrungswissens zu finden sind. Der «Sprechsaal» war zudem ein Raum für kontroverse Debatten.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

The Zeitschrift für Instrumentenbau and its consulting room
A limited "borderless" forum for the exchange of knowledge

"Zeitschrift für Instrumentenbau" was the principal publication of the musical instrument-making craft in the late 19th and early 20th centuries. It served as a forum of knowledge, in which, regardless of geographic location or physical space, knowledge could be disseminated through writing and drawing. With the column "Sprechsaal", its publishers created a place that reflects the enduring importance of the embodied empirical knowledge typical of instrument-making. The "Sprechsaal" was furthermore a platform for controversial debates.

Popplow, Marcus: Vom Nutzen der Wissensgeschichte für die Technikgeschichte der Frühen Neuzeit

Marcus Popplow

Vom Nutzen der Wissensgeschichte für die Technikgeschichte der Frühen Neuzeit

«Wissensformen der Technik» werden oft als Dichotomie von (technik- oder natur)wissenschaftlichem Wissen einerseits und körpergebundenem «tacit knowledge» andererseits verstanden. These des vorliegenden Beitrags ist, dass dieser Ansatz für die Frühe Neuzeit unzureichend ist. Transformationen technischen Wissens dieser Epoche betrafen vielmehr Wissensformen zwischen diesen beiden Polen, die aus neuen medialen und institutionellen Rahmenbedingungen resultierten. Aus wissenshistorischer Perspektive erweisen sich diese Transformationen als wichtiges Charakteristikum der Technikgeschichte der Frühen Neuzeit.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

On the use of the history of science for the technological history of the early modern period

Forms of knowledge in technology are often perceived as a dichotomy between (technical or natural) scientific knowledge on the one hand and embodied "tacit knowledge" on the other. The thesis of this essay is that this approach is inadequate for the early modern period. Transformations of technological knowledge in this era primarily concerned forms of knowledge between these two extremes, which resulted from the new prevailing media and institutional circumstances. From the perspective of the history of knowledge, these transformations proved to be an important characteristic of the history of technology in the early modern period.

Rauhut, Christoph: Wissen auf der Baustelle. Warum neue Baugeräte auf den Baustellen von Hochbauten zur Jahrhundertwende (nicht) benutzt wurden

Christoph Rauhut

Wissen auf der Baustelle
Warum neue Baugeräte auf den Baustellen von Hochbauten zur Jahrhundertwende (nicht) benutzt wurden

Auf den Baustellen von Hochbauten um 1900 sucht man meist vergebens nach neuen und fortschrittlichen Baumaschinen, man findet stattdessen vornehmlich tradierte und einfache Gerätschaften. Der Artikel thematisiert diese Diskrepanz, indem er aufzeigt, wie der Einsatz von Baumaschinen auf der Baustelle verhandelt wurde. So zeigt sich, dass verschiedene Interpretationsmodelle über die adäquate Benutzung existieren. Dass diese unterschiedlichen Akteursgruppen (Ingenieuren, Architekten, Bauführern und Bauunternehmern) zuzuordnen sind, bedingen die spezifischen Wissensbestände der Akteure. Die Baustelle entpuppt sich als Ort, an dem verschiedene Formen und Bestände von Wissen miteinander interagieren und konkurrieren.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Knowledge on the construction site
Why new construction equipment was (not) used on building sites at the turn of the century

New or modern construction machinery was generally not to be found on building sites around 1900; instead, one would find essentially traditional and simple equipment. The article elaborates on this discrepancy by demonstrating how the use of construction machinery was approached on building sites. Thus, we learn that there were different interpretation models regarding the appropriate use. That these models are to be assigned to the diverse groups of actors (engineers, architects, foremen and contractors) is determined by the actors’ specific knowledge base. The building site turns out to be a place in which varying forms and stores of knowledge interact and compete with one another.

Reith, Reinold: Arcana artis? Wissens- und Technologietransfer im frühneuzeitlichen Handwerk

Reinold Reith

Arcana artis?
Wissens- und Technologietransfer im frühneuzeitlichen Handwerk

Der Beitrag geht aus von kontroversen Einschätzungen, welche Rolle der Wissens- und Technologietransfer im frühneuzeitlichen Handwerk gespielt hat. Die neuere Forschung geht von einem deutlich höheren Ausmass an Migration in der frühneuzeitlichen Gesellschaft aus, daher stellt sich auch die Frage nach dem Wissens- und Technologietransfer im Kontext von Migrations- und Wanderungsprozessen. Im Vordergrund steht hier die Frage, was die Migration der Gesellen für den Transfer von Know-how bedeutete. Dazu sind – zugespitzt – zwei Positionen formuliert worden: Die «skeptische(n) Thesen zum Bildungswert der Walz» gehen davon aus, dass die Arbeitsmärkte der Frühen Neuzeit nicht frei, sondern durch eine Einschränkung der Kontraktfreiheit geprägt waren, und sehen Barrieren der Diffusion zum Schutz von Qualitäten und Verfahren geradezu als Charakteristikum dieser Märkte, sodass der Migration kaum Bedeutung für den Transfer von Know-how beigemessen wird. Eine optimistischere Position skizziert zunächst einmal Arbeitsmarkt und Migration im Gewerbe, geht dann von den zeitgenössischen Diskursen um die «Nützlichkeit» der Wanderschaft aus und argumentiert mit Blick auf Wanderrouten, bevorzugte Standorte und der Wanderschaft Johann Conrad Fischers für eine Perspektive, den Erwerb von «skills» im Sinne von Arbeits- und Lebenserfahrung in den Vordergrund zu stellen.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Arcana artis?
Knowledge and technology transfer in early modern society

The article centres around the controversial discussions on the role played by knowledge and technology transfer in early modern society. Recent research suggests a much higher level of migration in early modern society, which raises the question of knowledge and technology transfer in the context of migration and travel processes. The issue addressed is the impact of the migration of journeymen on the transfer of know-how. To put it simply, two positions have been formulated: the "sceptical theses of the educational value of journeying" proceed on the assumption that the labour markets of early modern times were not free, but were rather determined by a restricted freedom of contract; they see diffusion barriers for the protection of qualities and techniques as being virtually typical of these markets. Migration, therefore, is considered to be of little importance to the transfer of know-how. A more optimistic position first looks at the labour market and migration in trades, and, on the basis of contemporary discourse on the "usefulness" of the journeyman years, argues, taking into account Johann Conrad Fischer’s routes, preferred locations and the journeys, in favour of a perspective that foregrounds the acquisition of "skills", i.e. work and life experience.

Ruhland, Florian: Vormodernes Wasser-Wissen in der Eisenbibliothek (I)

Florian Ruhland

Vormodernes Wasser-Wissen in der Eisenbibliothek (I)

Bevor sich die moderne Wasseranalytik ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durchzusetzen begann, wurde die Güte von Wasser mit einem Bündel von Kriterien bewertet, das für die gesamte Vormoderne charakteristisch ist. In einer kleinen Serie von drei Aufsätzen soll das Panorama dieses vormodernen Wasser-Wissens skizziert werden – auf der Grundlage von Texten, die sich in den Beständen der Eisenbibliothek befinden. Den Auftakt macht ein frühneuzeitliches Maschinenbuch, der Band «Theatrum Machinarum Hydrotechnicarum» von Jacob Leupold (1724); die beiden folgenden Aufsätze werden sich der chemischen Literatur und den Enzyklopädien widmen. Anhand von Leupolds Ausführungen werden exemplarisch die Standbeine vorgeführt, auf denen in der Vormoderne die Bestimmung der Wasserqualität beruhte: Umweltfaktoren, organoleptische Indikatoren und Residuen im Kochgeschirr.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Premodern water "know-how" in the Iron Library (I)

Before contemporary water analysis took hold in the mid-19th century, water quality was determined by a set of criteria characteristic of the entire premodern age. The panorama of this pre-modern water know-how is sketched in a short series of three essays – based on texts found in the inventory of the Iron Library. We begin with a look at "Theatrum Machinarum Hydrotechnicarum", an early modern book by Jacob Leupold (1724); the two subsequent essays are dedicated to chemical literature and encyclopedias. Based on Leupold’s writings, the author presents the foundations on which water quality analysis in pre-modern times rest: environmental factors, organoleptic indicators and residues in cooking utensils.

Voges, Jonathan: Vom Handwerk zum Heimwerk? Zur Diffusion professionellen Wissens in den Haushalten ...

Jonathan Voges

Vom Handwerk zum Heimwerk?
Zur Diffusion professionellen Wissens in den Haushalten im Zuge der Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland

Als die amerikanische Idee des «Do it yourself» Ende der 1950er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland Fuss fasste, wurde sie von mancher Seite auch mit Verwunderung und Unverständnis aufgenommen. Bald jedoch wuchs die Popularität des Do-it-yourself-Gedankens dank der Unterstützung verschiedener Interessengruppen (Erwachsenenbildung, Verlage, Werkzeug und Maschinenhersteller). Der Prozess der Verbreitung von professionellem Wissen und handwerklichen Kompetenzen im Alltag von immer mehr Bundesbürgern wird in diesem Artikel anhand dreier Kategorien von Wissenstransfer untersucht: Didaktisierung, Simplifizierung und industrielle Vorfertigung immer grösserer Elemente.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

From craft to do-it-yourself?
On the diffusion of professional knowledge in households in the course of the do-it-yourself movement in the Federal Republic of Germany

When the American idea of the do-it-yourself-movement entered the Federal Republic of Germany in the late 1950s, it was received with incomprehension and astonishment. But soon several agents from different fields (adult education, publishing houses, power tool manufacturers) started to popularize the idea of making things yourself. The process of diffusion of expert knowledge of handymen into the homes of the laypersons will be analyzed in this essay using three different categories of knowledge transfer: didactization, simplification and the industrial prefabrication of larger components.

Wendland, Anna Veronika: Wissensformen der Kerntechnik im transnationalen Vergleich

Anna Veronika Wendland

Wissensformen der Kerntechnik im transnationalen Vergleich

Der Beitrag untersucht Wissensformen der Kerntechnik und nukleare Sicherheitskulturen in ihrer national unterschiedlichen Ausformung und Interdependenz. Besondere Beachtung finden internationale Wissenstransfers infolge von Lernprozessen nach grossen Unfällen, aber auch die Geschichte verhinderten Wissens. Ausserdem wird das Ineinandergreifen unterschiedlicher, historisch jüngerer und älterer medialer Formate kerntechnischen Wissens beschrieben, wie sie heute wesentlich den Charakter der Mensch-Maschine-Beziehungen in Kernkraftwerken bestimmen. Empirischer Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine 2013 durchgeführte Fallstudie im Kernkraftwerk Rivne (Ukraine).

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Forms of knowledge in nuclear technology in transnational comparison

The article examines the distinct national features and the interdependence of forms of knowledge in nuclear engineering and nuclear safety cultures. Special attention is paid to international knowledge transfer resulting from learning processes in the wake of major incidents as well as the history of hindered knowledge. Furthermore, the article also describes how different historically older and newer media formats of nuclear know-how, such as currently define the nature of the man-machine interface in nuclear power plants, fit together. The empirical starting point of these reflections is a case study performed in 2013 in the Rivne nuclear power plant (Ukraine).

Zumbrägel, Christian: Gleichzeitigkeit des Ungleich(zeitig)en. Wissensformen der (Klein)wasserkraft im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Christian Zumbrägel

Gleichzeitigkeit des Ungleich(zeitig)en
Wissensformen der (Klein)wasserkraft im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Über viele Jahrhunderte prägte die energetische Nutzung der Fliessgewässer durch Wassermühlen mit Wasserradantrieb den Charakter unserer Kulturlandschaft. Schon in der Antike bekannt, avancierte die Wasserkraft in Spätmittelalter und Früher Neuzeit zum vorherrschenden Energiespender diverser gewerblicher Verarbeitungsprozesse. Die industriellen Transformationsprozesse im 19. Jahrhundert beförderten schliesslich gewaltige Veränderungen in der Entwicklung und Nutzung von Wasserkraftmaschinen. Im Laufe des Jahrhunderts traten neue Protagonisten an die Stelle des praktischen Mühlenbauers sowie des Mühlrades. Turbineningenieure dominierten fortan die Debatte um die innovativen Errungenschaften auf Grundlage wasserkrafttechnischer Forschung. Auf der Suche nach der Gleichzeitigkeit des Ungleich(zeitig)en werde ich der These nachspüren, dass traditionelle Wissensformen der Kleinwasserkraft – das praktische, intuitive und an örtliche Gegebenheiten gebundene Wissen der vorindustriellen «Mühlenbaukunst» – auch zum Übergang ins 20. Jahrhundert von Relevanz blieben und sich auf neuartige Weise mit jüngeren Wissensformen – z.B. dem versuchsbasierten Methodenrepertoire der Technikwissenschaften – vermengten.

Dieser Artikel ist auf Deutsch erschienen. Englisches Abstract:

Simultaneity of the Non-Simultaneous: Knowledge forms of (small) hydropower in the 19th and early 20th centuries

Harnessing the energy of watercourses by means of water-driven mills shaped our cultural landscape for many centuries. Hydropower was already used in antiquity and became the predominant source of energy in diverse fabrication processes in the late Middle Ages and the early modern age. The industrial transformation processes of the 19th century eventually brought about tremendous changes in the development and use of hydroelectric machinery. In the course of the century, new protagonists took the place of the hands-on millwright and of the water wheel. From this time on, turbine engineers dominated the debate surrounding the innovative achievements based on water power engineering research. In search of the simultaneity of the non-simultaneous, I will explore the thesis that the traditional forms of knowledge embodied in small hydropower plants – the practical, intuitive and localized knowledge of pre-industrial "mill architecture" – continued to be relevant at the turn of the 20th century and blended in novel ways with newer forms of knowledge – e.g. the experimental methodology of engineering science.