Folge 22: «Principia»

«Philosophiae Naturalis Principia Mathematica» (London, 1687)

Erschienen im Dezember 2021

Das Lieblingsbuch von Tim Lork

Tim Lork war Scholar in Residence in der Eisenbibliothek im September 2021. Er besuchte die Bibliothek speziell wegen eines Buches: einer Erstausgabe von Isaac Newtons epochemachendem Werk «Principia». Hier schreibt er über das Buch und die faszinierende Geschichte dieses Exemplars aus der Bibliothek eines anderen bedeutenden Physikers: Ernst Mach.

Der Leser

Tim Lork

...ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Wissenschaft und des Buchdrucks. Sein aktuelles Projekt ist eine umfangreiche Untersuchung der Druckgeschichte von Isaac Newtons «Principia» (1687), die in Zusammenarbeit mit dem Newton Project, einer wissenschaftlichen Online-Edition der Universität Oxford, durchgeführt wird.

Das Buch, in dem ich gerne (k)eine Rolle spielen würde...
...ist wirklich schwierig zu bestimmen. Eigentlich empfehle ich immer einen beliebigen Roman des grossartigen Hans Fallada, aber ob es wirklich wünschenswert ist, in dessen fast dokumentarischen Erzählungen eine Rolle zu spielen (oft genug scheitern die Figuren unentwegt an der Welt und an sich selbst), scheint mir doch ziemlich fraglich. Dafür gehe ich lieber in meine Jugendlektüre zurück und wünsche mir eine Nebenrolle in J. R. R. Tolkiens «The Hobbit».

Das Buch, von dem ich gerne eine Fortsetzung lesen würde...
...ist der bei Reclam erschienene und von Georg W. Bertram herausgegebene Sammelband «Philosophische Gedankenexperimente. Ein Lese- und Studienbuch». Es handelt sich dabei nicht nur um ein ungemein hilfreiches Kompendium, in das ich immer wieder gerne hineinschaue, um rasch die eigene Kenntnis einzelner Gedankenexperimente aufzufrischen. Es eignet sich durch die kurzen Kontextualisierungen und Stellungnahmen der verschiedenen KommentatorInnen nämlich auch hervorragend als Impulsgeber und Diskussionsgrundlage. Die konzentrierte Darstellung der einzelnen Gedankenexperimente kann damit nicht nur für das eigene Denken neue Horizonte und Perspektiven erschliessen, sondern auch Menschen die Faszination Philosophie näherbringen, die sich ansonsten eher von dieser fernhalten – ein Anliegen, das nicht überbetont werden kann, denn (so viel Pathos sei erlaubt) eine Welt, in der mehr philosophiert wird, ist eine bessere Welt! Es handelt sich somit um ein ausgesprochen verdienstvolles Buch, das eine ergänzende Fortsetzung dringend benötigt.

Bücher, die derzeit auf meinem Nachttisch liegen...
...sind in der Regel Ermahnungen, dass sie jetzt doch endlich mal gelesen werden müssten. In diesem Sinne liegen dort momentan unter anderen «Progress and its Problems» und «Science and Values» von Larry Laudan sowie «Wissenschaft als Kunst» von Paul K. Feyerabend.

Das Buch

Isaac Newton: «Philosophiae Naturalis Principia Mathematica...» (London: Streater, 1687)

Isaac Newtons (1643-1727) Principia sind eines der wichtigsten Werke der Geschichte der Naturwissenschaften und gelten nicht umsonst als Höhepunkt der Wissenschaftlichen Revolution. In diesem mit zwei verschiedenen Titelseiten verkauften Werk – eine Version hat den zweizeiligen Standard-Imprint «Plures Bibliopolas», die andere ein dreizeiliges Cancel mit «apud Sam. Smith» – versammelt Newton mit Trägheits-, Aktions- und Wechselwirkungsprinzip sowie dem Gravitationskonzept die Grundsteine der klassischen Mechanik, die bis heute die makroskopische Naturbetrachtung prägen. Obwohl der Briefwechsel zwischen Newton und Edmond Halley (1656-1742), dem die Drucklegung des Werkes in wesentlichen Teilen zu verdanken ist, die Entstehung der Principia gut dokumentiert, ist die damalige Auflagenstärke unbekannt. Neuere Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass mehr als 500 Exemplare gedruckt wurden, von denen bis heute vermutlich 350 bis 400 überlebt haben.

Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung des Textes für die modernen Naturwissenschaften sind Erstausgaben von Newtons Principia begehrte Sammler- und Ausstellungsstücke, insbesondere wenn ihre Provenienz von hoher wissenschaftshistorischer Relevanz ist – und genau das ist beim Exemplar der Eisenbibliothek der Fall: Sie stammt aus der Bibliothek Ernst Machs (1838-1916), der nicht unwesentlich an der «Degradierung» der klassischen Mechanik zu einer «praktikablen Näherung» auf der Makroebene beteiligt war, sondern sein Smith-Exemplar auch per Namensstempel und Unterschrift auf der Titelseite mit seinem Namen versehen hat. Der besondere Wert der Mach-Principia der Eisenbibliothek ergibt sich dabei aber aus einigen Anstreichungen (teils in Grau, teils in Rot und teils sowohl in Rot als auch in Grau) und Annotationen an einschlägigen Stellen, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach Mach zuschreiben lassen und so dessen Umgang mit dem epochemachenden Werk dokumentieren.

Beispielsweise deutet sich eine Stellungnahme an, wenn auf Seite 19 das fünfte Korollar, das das Prinzip der Unabhängigkeit der relativen Bewegungen zwischen zwei Körpern innerhalb eines Raumes von potenzieller gleichförmiger Bewegung des Raumes selbst wiedergibt, rot eingeklammert wird. Ein Rechercheweg Machs liegt hingegen nahe, wenn auf Seite 370 ein Verweis auf Marin Mersenne (1588-1648) rot angestrichen ist, in dem Newton dessen abweichenden Beobachtungen zur Schallgeschwindigkeit diskutiert. Explizit wird es dann in den kritischen Marginalia, wenn Mach etwa Newtons Formulierung seines zweiten Bewegungsgesetzes (Aktionsprinzip) mit «Tautologie» kommentiert und neben dem dritten Bewegungsgesetz, dem Wechselwirkungsprinzip, notiert dass es «keine systematische Rolle» habe.

Machs aktiv bearbeitender Umgang mit seiner Erstausgabe der Principia ist damit ein ausgesprochener Glücksfall, der einen Einstieg in den «Maschinenraum» wissenschaftlicher und historischer Textarbeit ermöglicht und damit einen Einblick in die Forschungspraxis ermöglicht, der sich anhand gezielt selbstdarstellender oder gar offizieller Dokumente nicht in gleichem Masse gewinnen lässt. Damit ist die Erstausgabe der Principia in der Eisenbibliothek nicht nur ein Dokument von hohem bibliophilen Wert, sondern auch eine wertvolle wissenschaftshistorische Quelle, die nunmehr einer der am besten dokumentierten Bestandteile eines vertieften buchhistorischen Zensus für die Erstausgabe der Principia ist und von dem ich viel für meine Arbeit mit materiellen historischen Quellen lernen konnte.