Folge 5: The History of Japan

The history of Japan: giving an account of the ancient and present state and government of that empire; of its temples, palaces, castles and other buildings; of its metals, minerals, trees [...]. (London: Scheuchzer, 1727).

Erschienen im April 2015

Das Lieblingsbuch von Urs Werner

Der fünfte Teil der Serie führt uns in den Fernen Osten, nach Japan. Engelbert Kaempfer war der erste europäische Gelehrte, der mit dem Ziel vor Augen, einen Bericht über den Einsatz moderner wissenschaftlicher Methoden zu veröffentlichen, nach Japan reiste. Sein abenteuerliches Leben und die abenteuerliche Geschichte seines Reiseberichts stellt der Japan-Kenner Urs Werner vor.

Der Leser

… arbeitete nach seinem Diplom als Chemiker-Metallurge an der ETH Zürich in England, Deutschland und Japan. Danach war er in verschiedenen Führungspositionen für Georg Fischer Piping Systems tätig, zuletzt als Leiter der Business Unit Asien. Seit 2004 ist Urs Werner Mitglied des Stiftungsvorstandes der Eisenbibliothek. Er fokussiert sich auf den Aufbau neuer Beziehungen zu asiatischen Institutionen und Bibliotheken in den Bereichen Metalle und Materialwissenschaften.

Ein Buch, das mich immer wieder fasziniert …
Beatrice M. Bodart-Bailey: Kaempfer’s Japan. Tokugawa Culture Observed
Während eines Besuchs in Japan anfangs 2000 stolperte ich über ein Buch von Beatrice M. Bodart-Bailey, eine neue Übersetzung und Annotation eines Buchs von Engelbert Kaempfer. Nach dem Lesen dieses faszinierenden und gut lesbaren Werkes mit dem Titel «Kaempfer’s Japan: Tokugawa Culture Observed» entdeckte ich ein Exemplar von Kaempfers Original in der Eisenbibliothek. Der Titel der Originalausgabe heisst «History of Japan» – es war sehr spannend, die beiden Versionen zu vergleichen.

Bücher, welche mich noch eine Weile begleiten werden …
Joseph Needham: Science and Civilisation in China
Joseph Needhams Werk «Science and Civilisation in China», von dem die Eisenbibliothek bereits 24 Bände besitzt und weitere Ausgaben noch in Vorbereitung sind, stellt ohne Zweifel die umfassendste Sammlung historischer Aspekte der chinesischen Kultur dar. Joseph Needham (1900–1995) war eigentlich Biologe, hatte aber sehr weit gefächerte Interessen. 1942–1946 verbrachte er in Chongqing, wo er riesige Mengen von Material sammelte, die später die Grundlage für das oben genannte Werk bildeten. Als Einführung für den interessierten Leser würde ich das im Penguin-Verlag erschienene und von Simon Winchester verfasste Buch «Bomb, Book and Compass. Joseph Needham and the Great Secrets of China» empfehlen. Es liegt auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel «Der Mann, der China liebte» vor.

Das Buch, das momentan auf meinem Nachtkästchen liegt ...
Kaoru Nonomura: Eat, Sit, Sleep. My year at the Japan’s most rigorous Zen Temple
Es ist die Geschichte eines 30-jährigen Designers, der sich entschied, dass es noch andere Dinge geben müsse als das Leben in einer Firma. Er trat daher in einen der strengsten Zen Tempel (Eiheiji) in Japan ein, wo er zirka ein Jahr verbrachte, bevor er wieder in die Aussenwelt zurückkehrte. Das Buch handelt von seinen Erlebnissen und Erfahrungen während seine Zeit im Eiheiji Tempel. Das Buch ist zur Zeit nur in englischer Sprache erhältlich.

Das Buch

Engelbert Kaempfer: The history of Japan: giving an account of the ancient and present state and government of that empire; of its temples, palaces, castles and other buildings; of its metals, minerals, trees, plants, animals, birds and fishes; of the chronology and succession of the emperors, ecclesiastical and secular; of the original descent, religions, customs, and manufactures of the natives, and of their trade and commerce with the Dutch and Chinese [...]. (London: Scheuchzer, 1727).

Engelbert Kaempfer wurde in Deutschland als Sohn eines Pastors geboren. Die während seiner Jugend erlebten Hexenverfolgungen hinterliessen in ihm einen tiefen Eindruck über menschliches Verhalten. Obschon seine Familie nicht reich war, hatte sie eine gute Bibliothek, wo er in einem Werk von Adam Olearius Berichte über dessen Reise als Botschafter an den persischen Hof las, was wohl sein Interesse an Reisen in den Osten geweckt haben könnte. Nach dem Studium einer Anzahl von Fächern an verschiedenen Universitäten wie Thorn, Krakau, Warschau, Danzig und Königsberg, konzentrierte er sich schliesslich auf Medizin und Botanik, um danach an den schwedischen Hof zu ziehen, wo er seine Studien an der Universität von Uppsala fortsetzte. Mit einer schwedischen Delegation reiste Engelbert Kaempfer 1683 via Moskau an den Hof des Schahs von Persien. Danach trat er in den Dienst der Holländisch-Ostindischen Companie und reiste via Indien nach Batavia in Indonesien. Dort studierte er alle erhältlichen Quellen über Japan, das damals der Aussenwelt nicht zugänglich war.

1690 ergab sich eine Möglichkeit und er reiste nach Japan, wo er sich in Nagasaki niederliess. Zu dieser Zeit mussten alle Ausländer auf einer winzigen, der Stadt Nagasaki vorgelagerten und nur über eine streng bewachte Brücke zugänglichen Insel mit dem Namen Deshima aufhalten. Ausser für spezielle Anlässe war es den Ausländern unter Todesstrafe verboten, die Insel zu verlassen. Während seines Aufenthalts machte er mit der holländischen Delegation zwei Reisen nach Edo (dem heutigen Tokio), um dem Shogun (dem militärischen Führer Japans) Tribut zu zollen. Während dieser Reisen schrieb er extensiv und seine Notizen und Zeichnungen bildeten die Grundlage für seine «History of Japan».
Dank seinem Wissen in Disziplinen wie Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften und Medizin kann Kaempfer als die erste Person gelten, der Ländern in Asien, die doch sehr unterschiedlich zu Europa sind, mit einem wissenschaftlichen Ansatz begegnet ist. Als ausgebildeter Arzt konnte er in vielen Fällen helfen, wo die traditionelle lokale Medizin nicht ausreichte, und als Naturwissenschaftler mit einer begnadeten Beobachtungsgabe hielt er minutiös die Details fest. Trotz der damals strikten Regel des Shogunats, dass keine Information über Japan an Ausländer gelangen dürfen (es war strengstens verboten, Skizzen von militärischen und anderen wichtigen Einrichtungen anzufertigen), machte Kaempfer Skizzen, die er mit arabischer Schrift versah und die so der Zensur entkamen. Die aus Japan von Kaempfer mitgebrachten Informationen waren in ihrer Fülle und Genauigkeit sensationell. Dank seiner Kindheitserfahrungen war er in der Lage, über Dinge zu urteilen, wie sie wirklich waren. Seine Originalaufzeichnungen waren nicht vom damals vorherrschendem religiösem Gedankengut beeinflusst.

Nachdem er sich 1693 zuerst in Holland aufhielt, wo er seine Dissertation vorbereitete und 1694 den Doktortitel erhielt, kehrte er in sein heimatliches Deutschland zurück. Der Dienst als Leibarzt eines Lokalfürsten (in Detmold) liess ihm nicht viel Zeit, an der geplanten Publikation weiterzuarbeiten. Während der letzten vier Jahre seines Lebens konnte er keinen Verleger für seine Manuskripte finden. Nach seinem Tod im Jahr 1716 erbte sein Neffe das gesammelte Material sowie die für die Publikation bestimmten Unterlagen. Wegen finanzieller Nöte musste dieser jedoch alle Manuskripte und Sammlungen verkaufen. In der Folge wurden sie von Sir Hans Sloane in London aufgekauft, der selber ein berühmter Wissenschaftler und Sammler von Literatur über Wissenschaften und Entdeckungen war.

Sir Hans Sloane beauftragte den jungen Schweizer Johann Caspar Scheuchzer, die gesammelten Informationen über Japan ins Englische zu übersetzen. Da Caspar Scheuchzers Muttersprache nicht Englisch war, musste dieser oft um Rat nachfragen. Dadurch und durch die Tatsache, dass Kaempfer positiver über Japan berichtete als es damals dem allgemeinen Empfinden entsprach, ergaben sich im Vergleich zum Originaltext Änderungen oder gar Auslassungen, besonders was Bemerkungen zum Verhalten der Heiden angeht. Gewisse Aspekte (hauptsächlich religiöser und rechtlicher Natur) hat man so angepassts, dass sie vernünftig erscheinen. Als man 1727 die «History of Japan» publizierte, wurde sie ein unmittelbarer Erfolg: Mit 12 Auflagen muss sie als absoluter Bestseller gelten. Es lohnt sich durchaus, die Originalausgabe mit ihren vielen Details und Bildern anzusehen. Da das Werk nicht aus der Bibliothek ausgeliehen werden kann, mag das Lesen des ganzen Buches mühsam erscheinen. Dagegen ist die revidierte Ausgabe von Beatrice Bodart-Bailey einfacher zu lesen und enthält die meisten wichtigen Bilder und Darstellungen. Der einzige Nachteil besteht vielleicht darin, dass nicht alle Bilder enthalten sind und der Text nicht zur Gänze abgedruckt wurde.