Agostino Ramellis «Schatzkammer» (1620)

Ein E-Book-Reader, der mehrere Tausend Bücher speichern kann? Dem 1531 in Ponte Tresa, an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz, geborenen Militäringenieur Agostino Ramelli hätte ein solcher Apparat vermutlich gefallen. Sehr erstaunt wäre er vielleicht gar nicht gewesen, hatte er doch schon das berühmte Bücherleserad konstruiert, in das er mehr als zehn Bücher «hochladen» konnte.

Ein Blick auf den Kupferstich des legendären Bücherleserades in Agostino Ramellis Werk «Le diverse et artificiose machine del Capitano Agostino Ramelli» darf auf keiner Führung durch die Eisenbibliothek fehlen. Unsere Besucherinnen und Besuchern kommen bis dato in den visuellen Genuss der Erstausgabe von 1588, in der Ramelli - für die damalige Zeit ungewöhnlich - den Text parallel auf Italienisch und Französisch abdrucken liess. Der Zahn der Zeit und seine Beliebtheit sind dem Buch durchaus anzusehen: Es musste schon mehrmals restauriert werden, seitdem es 1955 in Mailand für die Eisenbibliothek angekauft werden konnte.

Agostino Ramelli: Schatzkammer (1620), Rückentitel

Fast auf den Tag genau 60 Jahre später ist es der Eisenbibliothek nun gelungen, die erste und einzige deutsche Übersetzung von Ramellis Maschinenbuch zu erwerben, die 1620 in Leipzig gedruckt wurde - also über 30 Jahre nach der ersten Veröffentlichung. Diese deutsche Ausgabe trägt den schönen Titel «Schatzkammer mechanischer Künste des hoch- und weitberühmeten Capitains Herrn Augustini de Ramellis ... darinnen viel unterschiedene wunderbahre kunstreiche Machinae zubefinden ...». Das gut erhaltene Exemplar ist in Schweinsleder gebunden und trägt einen markanten Rückentitel.

Die Idee zum Bücherleserad und der zugrundeliegende Mechanismus, ein Planetenrädergetriebe, sorgen für Verblüffung – und doch sind sie in die Realität umgesetzt worden! Das gilt längst nicht für alle Maschinen, die uns Agostino Ramelli vorführt. Auf den fast 200 Kupferstichen gibt es viele kuriose Maschinen zu bewundern, die zu Ramellis Zeiten in dieser Form nicht existiert haben, die aber bestimmte mechanische Funktionsweisen verdeutlichen sollen. «Wenn man Ramellis hundert Variationen von Wasserhebewerken betrachtet, kommt man zu der Überzeugung, daß Ramelli Fragen beantwortete, die niemals gefragt worden waren, und Probleme löste, die niemand außer ihm (oder vielleicht einem anderen Ingenieur) gestellt haben würde.» Diese Einschätzung des Technikhistorikers Eugene S. Ferguson klingt zwischen den Zeilen abschätziger als sie vermutlich eigentlich gemeint ist, denn Ramellis Buch war einflussreich und gehört zu den Klassikern aus dem Genre der frühneuzeitlichen Maschinenbücher.