Führer durch das Eisenwerk Unterwellenborn

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A. Dürkop: Führer durch das Eisenwerk Unterwellenborn bei Saalfeld a. d. Saale. Saalfeld : Verlag der W. Wiedemannschen Buchhandlung, [1892]

Ein gedruckter Führer zu einem Eisen- und Stahlwerk in der tiefsten deutschen Provinz? Wie ein Führer durch den Louvre, das Schloss Schönbrunn oder den Kölner Dom? Das erscheint auf den ersten Blick als abwegige Idee. Andererseits boomt heutzutage der Tourismus zu Schauplätzen der Industriekultur. Doch bei der Maxhütte, dem Eisen- und Stahlwerk in Unterwellenborn, dem sich der hier vorgestellte Führer widmet, handelte es sich nicht um ein technisches Denkmal, sondern um einen in voller Blüte stehenden produzierenden Betrieb. Die Maxhütte in Unterwellenborn, einem kleinen Ort in Thüringen (Deutschland), war 1872/73 als Zweigwerk der Maxhütte in der bayerischen Oberpfalz gegründet worden. Der Standort in Thüringen war dadurch begünstigt, dass in der Nähe Eisenerz abgebaut werden konnte. Zwanzig Jahre nach der Gründung beschreibt ein nicht näher bekannter Verfasser namens A. Dürkop das Eisen- und Stahlwerk – wie andere eine gotische Kathedrale beschreiben würden. Im Vorwort erläutert er seine Beweggründe:

«Bei seinen häufigen Besuchen auf dem Eisenwerk Unterwellenborn, teils um sich selbst über die Herstellung von Eisen und Stahl zu unterrichten, teils um Anderen als Führer zu dienen, hatte Verfasser sich stets des liebenswürdigsten Entgegenkommens der Beamten der Werkes zu erfreuen, und ihre dankenswerte Bereitwilligkeit, die Fragen des Laien zu beantworten und die Vorgänge auf und in den Hochöfen und an den Maschinen zu erklären, war unermüdlich.

Aber nicht Jeder kann das Werk jährlich ein paarmal besuchen, und nicht jederzeit sind auch die freundlichen Erklärer zur Hand. Da mag denn ein gedruckter Führer willkommen sein. Man kann ihn vor dem Besuch des Werkes durchlesen; man kann ihn bei der Besichtigung als Führer benutzen; er wird endlich noch oft nach dem Besuch des Werkes die Erinnerung an das Gesehene auffrischen und wach erhalten.»

«Für den Laien schreibt auch am verständlichsten der Laie.»

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Dürkop gibt zu, «nicht Fachmann auf dem Gebiete der Eisenindustrie» zu sein, ist aber überzeugt: «Für den Laien schreibt auch am verständlichsten der Laie.» Der Führer «soll in einfacher, leicht verständlicher Sprache auch dem Nichtfachmann einen Einblick geben in das grossartige Getriebe eines solchen Werkes und ihm die Vorgänge erläutern, die das Erz durchmachen muss, ehe es zum fetigen Stahlblock oder zur Stahlschiene wird.» Das Büchlein hat neun Kapitel über Bergbau, Gewinnung und Vorbereitung der Erze, Hochofen, Abstich, Eisenguss, Bessemerwerk, Stahlguss, Walzwerk und die Produktion von Ziegelsteinen und Zement aus der Hochofenschlacke. Aus der Schlacke wurden im Jahr ca. 10 Millionen Ziegelsteine hergestellt. Der Schlackenberg beherrscht auch heute noch die Landschaft. 1992 endete die Eisenproduktion in Unterwellenborn. Seit 1995 wird am Standort unter dem Namen Stahlwerk Thüringen ein Elektrostahlwerk samt Walzstrasse betrieben, das seit 2012 zur brasilianischen Companhia Siderúrgica Nacional gehört.

«Willst du dir ein sichtbares Andenken von der Maxhütte mitnehmen ...»

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Auch an die praktischen Bedürfnisse eines Stahlwerksbesuchers hat der Verfasser gedacht. Ein Souvenir? «Willst du dir nun, lieber Leser, ein sichtbares Andenken von der Maxhütte mitnehmen, so rate ich dir, ein Stückchen von dem schön weiss, stahlblau, rot und goldig glänzenden Spiegeleisen zu erbitten. Schöne Gesteinsproben hat die gütige Hand der Herren von der Hütte in reicher Auswahl vor die Fenster des chemischen Laboratoriums gelegt. Du darfst getrost nehmen, denn dazu liegt’s da.» Im Anhang findet der interessierte Hüttenwerkstourist Annoncen von Hotels und Restaurants, in denen er den Staub von Eisenwerk und Schlackenberg herunterspülen konnte. Die Inserate geben möglicherweise auch einen Hinweis auf die Finanzierung der Publikation, die für 50 Pfenning verkauft wurde. Von dementsprechend schlechter Qualität ist leider das verwendete Papier, das schon stark gebräunt ist und ohne Massnahmen zur Papierentsäuerung in absehbarer Zeit zu Papierstaub zerfallen wird. Das wäre sehr zu bedauern, denn das Büchlein ist ausser in der Eisenbibliothek in keiner anderen Bibliothek nachweisbar.

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