Valerian Gillars «Preisbuch»

Von Produktkatalogen und anderen «grauen» Schätzen

V. Gillar: Preisbuch

Valerian Gillar (Wien): Preisbuch Mai 1899 : Inhalt: schmiedeeiserne Blätter, Tulpen & Rosetten. - Wien : V. Gillar, Mai 1899. - 39 Blätter, 23 Seiten : Illustrationen

V. Gillar: Preisbuch

Die Eisenbibliothek hütet viele Schätze in gedruckter Form. Dazu zählen die von der Eisenbibliothek gesammelten Firmenschriften, Produktkataloge und Preislisten: sie sind zumeist nicht sehr alt, aber oft sehr selten. Gar nicht so selten kommt es vor, dass sich neben dem Exemplar in der Eisenbibliothek kein weiteres Exemplar in einer Bibliothek finden lässt, die ihre Bestände öffentlich und online sichtbar macht. In aller Regel haben wir es mit «Grauer Literatur» zu tun – was nichts mit einem grauen Einband oder mit in Graustufen gehaltenen, unbunten Illustrationen zu tun hat. «Grau» wird diese Literatur genannt, weil die Firmenschriften und Kataloge in aller Regel nicht von einem Verlag veröffentlicht und im Buchhandel verkauft wurden, sondern vom Unternehmen oder vom Firmeninhaber selbst in Druck gegeben und verteilt wurden. Zudem waren die Kataloge und Preislisten für den Moment gemachte Gebrauchsliteratur – sie verloren unter Umständen schon nach kurzer Zeit ihre Aktualität und damit ihre Existenzberechtigung. Schon gar nicht waren diese Druckerzeugnisse dazu bestimmt, 100 Jahre und länger aufbewahrt zu werden – was heute in der Bibliothek, die mit ihnen umzugehen hat, für Kopfschmerzen hinsichtlich ihrer langfristigen Konservierung sorgen kann. Diese Literatur kann leicht aus dem Blickfeld und in Vergessenheit geraten, denn oft lässt sich nicht erahnen, dass es sich um eine wertvolle – vielleicht sogar die einzige – Dokumentation des anbietenden Unternehmens oder der angebotenen Produkte handeln kann. Grund genug, um in diesem und den nächsten Newslettern einen Blick auf einige Produktkataloge und verwandte Schriften zu werfen, die von der Eisenbibliothek in der letzten Zeit erworben werden konnten.

«Schmiedeeiserne Blätter, Tulpen & Rosetten»

V. Gillar: Preisbuch

Den Anfang macht das «Preisbuch» vom Mai 1899, in dem ein gewisser V. Gillar mit Sitz Siebenbrunnengasse 9, gelegen im 5. Wiener Bezirk, «Schmiedeeiserne Blätter, Tulpen & Rosetten» aus seiner eigenen Produktion anbietet. Wer versteckt sich hinter diesem V. Gillar – eine kleine, für seine Nachbarschaft in Wien produzierende Werkstatt? Der recht aufwändig gedruckte Produktkatalog spricht eher dafür, dass er doch auf einen grösseren Absatzmarkt abzielte. Ein starkes Indiz dafür ist, dass sich auf der ersten Seite des Katalogs ein Stempelabdruck befindet, mit dem angeboten wird, die Korrespondenz auf Französisch, Englisch und Tschechisch zu führen. Verbirgt sich hinter V. Gillar vielleicht sogar ein Kunsthandwerker, der in der Kunstgeschichte seine Spuren hinterlassen hat? Wir begeben uns auf eine kurze Suche nach Spuren, die Gillar hinterlassen hat – Spuren, die sich mit digitalen Hilfsmitteln und Quellen aufspüren lassen.

V. Gillar: Preisbuch

Im Buch selbst gibt es 39 Tafeln mit Modellen von «geprägten und weichgehämmerten schmiedeisernen Ornamenten», gefolgt von Preislisten in österreichischen Gulden. Eingangs wendet sich V. Gillar an seine Kunden: «Durch die Vergrösserung meiner Fabrik und der maschinellen Anlage [...] ist meine Etablissement derart eingerichtet, dass dem grössten, wie dem kleinsten Auftrag, die grösste Sorgfalt zugewendet und jedes Ornament meinem Principe getreu, rein und tadellos effectuirt werden kann.» Es gibt immerhin noch ein zweites Exemplar des Katalogs, das die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt. In ihrem Katalog erfahren wir, dass es sich um einen Valerian Gillar handelt.

Wer war Valerian Gillar?

Quelle: WStLA, CC BY-NC-ND 4.0Quelle: WStLA, CC BY-NC-ND 4.0

Begeben wir uns virtuell ins Wiener Stadt- und Landesarchiv. Im Wiener Archivinformationsystem finden wir zwei digitalisierte Meldezettel von Valerian Gillar. Auf diesen lesen wir unter anderem, dass der K. u. k. Hof Bau- und Kunstschlosser am 28. April 1839 in Freiberg in Mähren (Příbor) geboren wurde und am 23. Januar 1927 in Wien verstorben ist.

Das Wiener Stadt- und Landesarchiv bietet uns auch das Wien Geschichte Wiki an, in dem wir einen kurzen Artikel über Valerian Gillar finden. Dort ist allerdings ein falscher Geburtsort angegeben: Es handelt sich nicht um Freiburg, sondern Freiberg in Mähren (Příbor), aus dem auch Sigmund Freud stammt, er kam dort 17 Jahre nach Gillar auf die Welt.

Im digitalisierten Adressbuch «Adolph Lehmann's allgemeiner Wohnungs-Anzeiger» von 1899 bestätigt sich Gillars Adresse in der Siebenbrunnengasse, die wir problemlos im Wiener Stadtplan ausfindig machen können.  

Die Arbeiten der k. u. k. Hof-Kunstschlosserei Gillar

Valerian Gillar: Preisbuch

Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, wie bekannt Gillar und seine kunsthandwerklichen Arbeiten denn waren und ob sich dazu Spuren finden lassen, blicken wir in die zeitgenössische österreichische Presselandschaft. Die Österreichische Nationalbibliothek bietet mit dem Portal ANNO einen vorbildlichen Zugang zu digitalisierten Zeitschriften und Zeitungen. Bei der Suche nach Valerian Gillar liefert ANNO 200 Treffer in österreichischen Zeitschriften und Zeitungen zwischen 1870 und 1930. Hier einige Beispiele:

Die Zeitung «Das Vaterland» vom 15. August 1880 berichtet von Gillars Teilnahme an der Niederösterreichischen Gewerbeausstellung: «[...] finden wir die stylvollen Arbeiten Gillars, einen Luster, eine Console sammt Lampe, Thür- und Fensterbeschläge, eine Laterne, zwei Vorhanghälter und einige Leuchter aus getriebenem Schmiede-Eisen im Renaissancestyle [...].»

Diese Teilnahme war von Erfolg gekrönt, Gillar erhielt die Medaille erster Classe, wie wir aus der «Wiener Zeitung» vom 18. September 1880 erfahren.

Am 6. Mai 1881 lesen wir in der «Morgen-Post», dass der Kaiser dem Hof-Kunstschlosser Gillar das goldene Verdienstkreuz verliehen hat.

Die «Wiener Zeitung» vom 25. November 1886 berichtet unter der Überschrift «Unredliche Gehilfen», dass Gillar «in den letzten Wochen werthvolle Zeichnungen, Werkzeuge und Modelle gestohlen» worden waren. Nun gelang es der Polizei, drei Schlossergehilfen als Täter zu verhaften.

Im «Grazer Volksblatt» vom 3. Juli 1894 finden wir einen Bericht über die Antwerpener Weltausstellung: «Von den Mitgliedern des Wiener Kunstgewerbe-Vereines sind besonders zu erwähnen: [...] Valerian Gillar, welcher eine Uhr aus Schmiedeeisen aus freier Hand gearbeitet und zwei Girandolen in gleicher Ausführung wie die Uhr ausstellte [...]»

Auch an der Weltausstellung 1900 in Paris war Gillar beteiligt. Im «Deutschen Volksblatt» vom 10. April 1900 werden die «äußerst schmalen Säulen» der Ausstellungskästen aus Gillars Werkstatt gewürdigt, «worin die ausgestellten Waaren zu vollster Geltung kommen können.»

Ein Bauwerk, an dem sich Gillars Können auch heute noch bewundern lässt, ist die Herz-Jesu-Kirche in Wien. «Der Bautechniker» vom 21. Dezember 1906 schreibt über die von Gillar gefertigten Beschläge auf den Eingangstüren: «Die Kunstschlosserarbeiten wurden von der k. u. k. Hof- Bau- und Kunstschlosserei Valerian Gillar [...] ausgeführt und sind hier besonders hervorzuheben. Vor Allem die Beschläge für die Eingangstüren, welche derb romanisch, stilvollst und kräftig wirkend, ausgeführt sind.»

«Der Bautechniker» vom 28. Dezember 1906 meldet, dass Gillar «zur Bequemlichkeit seiner Kunden» in der Herrengasse 5 (d.h. im Palais Brassican-Wilczek) eine Filiale eröffnet hat, «in welcher auch Muster von Beleuchtungskörpern für Gas- und elektrisches Licht in Messing und Kupfer ausgestellt sind.» Im selben Heft hatte Gillar eine Annonce geschaltet, in der er seine Firma als «Älteste Fabrik für schmiedeeiserne Balkon- und Treppengeländer, Garteneinzäunungsgitter etc.» bezeichnet.

Die Reihe der Informationen über Valerian Gillar und seine Tätigkeit als Kunsthandwerker liesse sich noch weiter fortsetzen. Dank der digitalen Quellen und Hilfsmittel, die verschiedene Wiener Institutionen online zugänglich machen, haben wir nun eine skizzenhafte Vorstellung von der Person und der Werkstatt, deren Produkte im «Preisbuch» von 1899 angeboten werden.