Carl Hartmanns «Atlas zu dem Handbuche der Bergbau- und Hüttenkunde»

Carl Friedrich Alexander Hartmann (Hrsg.): Atlas zu dem Handbuche der Bergbau- und Hüttenkunde, welcher mittelst Beispielen aus den wichtigsten Berg- und Hüttenwerken ein vollständiges Bild in Beziehung auf Aufsuchung, Gewinnung und Zugutemachung der nutzbaren Mineralien darbietet. - Weimar : Voigt, 1858. - 45 Ill. (Kupfertaf.)

Carl Hartmanns «Atlas», TitelblattCarl Hartmanns «Atlas», Titelblatt

Der «Atlas zu dem Handbuche der Bergbau- und Hüttenkunde» gehört zu einem besonderen Buchgenre: Es handelt sich um einen Band mit zum Teil großflächigen Abbildungstafeln, der als Anhang zu dem eigentlichen Handbuch veröffentlicht wurde. Der Autor, Carl Hartmann (1796-1863), hat, wie es für vergleichbare Werke üblich war, in dem Textteil weitgehend auf grafische Darstellungen verzichtet und sie stattdessen in den Atlas ausgelagert. Das 1858 erschienene Handbuch der Bergbau- und Hüttenkunde und der dazugehörige Atlas war eines der letzten der zahlreichen Lehr- und Handbücher, die Hartmann seit den 1820er Jahren veröffentlicht hat.

Hartmanns rege Publikationstätigkeit dokumentiert die raschen und tiefgreifenden Veränderungen im mittleren 19. Jahrhundert. Die einschneidendste Neuerung war die Umstellung der Eisenerzverhüttung von Holz- auf Steinkohle, die im deutschsprachigen Raum in den 1850er Jahren zum Durchbruch gelang. Das Handbuch der Bergbau- und Hüttenkunde von 1858 ist ganz von diesem epochalen Wandel gezeichnet. Denn die Umstellung auf den fossilen Brennstoff eröffnete nicht nur neue Möglichkeiten. Sie war in erster Linie eine Herausforderung für die Eisenhüttentechnik. Der gesamte Verhüttungsprozess musste neu gestaltet werden, angefangen bei der Auswahl der verwendeten Rohstoffe – Erze, Kohlen und Zuschläge – über die Konstruktion der Hochöfen, bis zu den Verfahren, in denen die Rohstoffe vorbereitet und in den Hochofen gegeben wurden.

Carl Hartmanns «Atlas», Hochofen auf Tafel XLIICarl Hartmanns «Atlas», Hochofen auf Tafel XLII

Das Besondere an Hartmanns «Atlas zu dem Handbuche der Bergbau- und Hüttenkunde» ist, dass er die neuen Verfahrensabläufe am Hochofen zeigt. Insbesondere Tafel XLII ist in dieser Hinsicht ein ungewöhnliches Dokument. Anders als bei den meisten Darstellungen dieser Zeit, zeigt Hartmann nicht nur den Querschnitt durch einen Hochofen, sondern deutet den thermo-chemischen Prozess und die Arbeitsschritte an, mit denen der Prozess in Gang gehalten wird – er zeigt den Hochofen «in Aktion».

Durch die Öffnung am oberen Ende des Schachtes wurden Eisenerze, Steinkohlekoks und Kalkstein als Zuschlag schichtweise in die glühende Hitze, auf die sogenannte Gicht, gegeben. Dabei kam es darauf an, die Rohstoffe in möglichst gleichmäßigen Lagen aufzutragen. Das oben aufgegebene Material sackte unter dem Einfluss der Hitze allmählich in sich zusammen. Die in sich zusammengesackte, glühende Masse wurde dann am Fuß des Hochofens, wo die Hitze am größten war, abgestochen. Dazu öffneten Arbeiter eine Luke im Schacht und ließen die Roheisenmasse und die sich an der Oberfläche absetzende flüssige Schlacke ausfließen.

Bei Hartmanns Darstellung wird auch deutlich, wie sehr die Verfahrensabläufe auf zeitgenössischen Annahmen über den thermo-chemischen Prozess im Hochofen, der zu dieser Zeit noch kaum beobachtet oder gemessen werden konnte, basierten. Auffallend ist die grafische Betonung der nach unten absinkenden Schichten aus Erzen, Steinkohlekoks und Zuschlägen, mit dem Hartmann eine bestimmte Vorstellung von dem, was im Inneren des Hochofens vor sich ging, visualisierte. In der Abbildung wird gezeigt, dass die Rohstoffe in klar voneinander abgegrenzten Schichten nach unten absinken und im unteren Drittel des Ofens in eine glühende Masse aus Roheisen und Schlacke übergehen. Im Absinken durchliefen die Rohstoffe demnach mehrere Zonen, in denen sie sich unter der Hitze zersetzten und ihre Bestandteile dann chemisch miteinander reagierten.

Carl Hartmanns «Atlas», Beispiel für eine TafelCarl Hartmanns «Atlas», Beispiel für eine Tafel

Der «Atlas zu dem Handbuche der Bergbau- und Hüttenkunde» gibt Einblick in Arbeitsabläufe und Vorstellungswelt der Eisenhüttentechnik zu einem Zeitpunkt, als sich diese in einem fundamentalen Umbruch befand. Während die Konstruktion von Hochöfen in vergleichbaren Hand- und Lehrbüchern zahlreich abgebildet ist, sind Darstellungen der Hochöfen «in Aktion» äußerst selten. Gerade das macht für mich das besondere Potenzial der Darstellung bei Hartmann aus, denn die Veränderungen des mittleren 19. Jahrhunderts betrafen nicht nur die technischen Anlagen, sondern vor allem den Umgang mit ihnen und die Betriebsverfahren. Die Umstellung von der Eisenverhüttung mit Holzkohle zur Verhüttung mit Steinkohle – ein wichtiger Schritt im Übergang von solaren zu fossilen Energieträgern – ist aus meiner Sicht nur mit Blick auf die Verfahrensabläufe zu erklären, die Hartmann dokumentiert hat.